Tagesexkursion am 6.Juni 2026
nach Piesteritz-Werkssiedlung und Beelitz-Heilstätten

Für diese Exkursion hatte unsere Vorsitzende Martina Lehmann ein noch sehr lebendiges Denkmal und ein, wie man heute sagt, Lost place ausgewählt.

Los ging`s pünktlich um 7.30 vom Hallmarkt aus per Bus nach Lutherstadt Wittenberg, Ortsteil Piesteritz, zu unserer ersten Station , der unter Denkmalschutz stehenden Werkssiedlung.

Nachdem 1915 in Piesteritz der Bau des Reichsstickstoffwerks begonnen wurde, wurde schon ein Jahr später beschlossen , für die stetig steigende Zahl an Arbeitern Wohnungen zu bauen. Bis 1919 entstanden hier 363 Reihenhäuser mit 50 bis 160 qm Wohnfläche. Es gab keine Abstufung hinsichtlich der Ausstattung. Alle Reihenhäuser besaßen ein Bad, eine Innentoilette, damals in keiner Weise die Norm, und einen Garten. Nebeneinander wohnten die Familien der Arbeiter, der Direktoren und Ingenieure, extra im „Damenhaus“ die unverheirateten Sekretärinnen. Eine Kirche, Schule, Apotheke, ein Rathaus, ein Vereinshaus, Spielplätze, viele Grünflächen, Läden – an alles war gedacht.

Dass die Werkssiedlung die Wirren der Zeit überstand, dass sie keinen, auch nicht teilweisen Abriss erlebte, grenzt an ein Wunder. Anlässlich der Expo 2000 wurden Milliarden bereitgestellt, um dieses Flächendenkmal originalgetreu zu restaurieren. Außerdem konnte bis heute eine Einzelprivatisierung verhindert werden.

Geworben wird mit dem Slogan „Autofreie Stadt“, für alle stehen Carports außerhalb der Siedlung zur Verfügung. Aber, wie wir sehen konnten, der eine oder andere kann eben doch nicht auf den Blick auf sein geliebtes Auto verzichten.

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Nach eineinhalb Stunden, die einheitlich in gelblichem Ton gestrichenen Häuser mit den bunten Blumen vor den Fenstern vor Augen, überraschte uns Frau Lehmann mit einem Stopp an einem Haus völlig anderer Architektur. 1997 übernahm der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser die Umgestaltung einer Plattenbauschule in Wittenberg und gab ihr den unverwechselbaren Hundertwasser-Touch: keine geraden Linien, leuchtende Farben, begrünte Dächer, goldene Kuppeln, bunte durchbrochene Säulen.

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Wieder im Bus hatte unser Fahrer die Landstraße nach Beelitz gewählt, und so genossen wir bei strahlender Sonne die Fahrt durch die alten Baumalleen Brandenburgs und freuten uns auf das Mittagessen in Beelitz. Schon morgens im Bus kursierte die Speisekarte. Wie erwartet stand Beelitzer Spargel an erster Stelle. Im „Ess-Bahnhof“ der Familie Rehkopf erwartete man uns schon und servierte uns leckere Speisen.

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Gestärkt und neugierig fuhren wir um 13,30 zur zweiten und letzten Station Beelitz-Heilstätten.

Auf einem 200 ha großen Waldgelände ließ die Landesversicherungsanstalt Berlin um 1900 eine Heilstätte für Lungenkranke, speziell für Patienten mit leichter und mittelschwerer Tuberkulose, errichten. 1898 Kauf des Geländes, bereits 1902 wurden die ersten 600 Patienten aufgenommen. So ein Tempo stelle man sich einmal vor! Insgesamt wurden 60 Häuser in verschiedenen Bauphasen bis 1930 gebaut. Es wurde nur bestes Baumaterial verwendet, es gab volle elektrische Versorgung, dampfbetriebene Fernwärme in allen Gebäuden, eine eigene Bäckerei und Fleischerei, Felder für Gemüse- und Obstanbau zur Eigenversorgung.

Unsere Führung stand unter dem Thema „Drei Gebäude – Anfang – Alltag – Architektur“. Nur 3 Gebäude und ausschließlich unter fachkundiger Leitung und auch nur das Erdgeschoß sind zu besichtigen.

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Man erlebt hautnah, was aus Häusern wird, die seit Jahrzehnten ungenutzt sind, Nachdem die sowjetischen Streitkräfte, die das gesamte Areal nach dem 2. Weltkrieg bis 1994 als größtes Militärhospital genutzt hatten, abgezogen waren, gab es immer wieder neue Zuständigkeiten, und das beförderte Vandalismus, Diebstähle und Verfall. Erst nach der Eröffnung des Baumkronenpfades 2015 widmete man sich auf diesem Areal der Erhaltung der alten 3 Gebäude: der Kochküche, der Waschküche und dem Frauenpavillon. Von unserem guide erfuhren wir, daß wir hier in den zuerst gebauten Häusern stehen, dass diese, nach Geschlechtern getrennt, den weiblichen Patienten vorbehalten waren. Die kranken Frauen verbrachten hier 3 bis 9 Monate, wurden von der hauseigenen Blaskapelle „Halbe Lunge“ empfangen und bestens verpflegt. 5 Mahlzeiten wurden verabreicht, und man glaubt gern, daß die Frauen versuchten, das eine oder andere vom Tisch zu entwenden, um es ihren Männern bei Besuchen mitzugeben. Die damalig vorherrschende Therapie der Tuberkulose hieß Liegekur und nahrhaftes Essen, und so bestand der Tag der Frauen vorwiegend aus Liegen im Freien. Darüber hinaus und auch wegen der langen Aufenthaltsdauer wurden den Frauen Kurse angeboten. Manch eine lernte in dieser Zeit Lesen und Schreiben. 2 Tabus waren zu beachten: Politik und Religion. Interessant war auch zu hören, daß der renommierte Arzt Prof. Sauerbruch hier vor Studenten in den 1930 er Jahren Vorlesungen hielt.

Der Guide entließ uns mit dem Hinweis, dass solange kein tragfähiges Nutzungskonzept für diese 3 Gebäude vorliegt, dieser Lost place als geschichtliches Denkmal gepflegt wird.


Anschließend fanden sich Grüppchen zum Kaffeetrinken unter den herrlichen alten Bäumen vor der Cafeteria, andere nutzen die Gelegenheit, auf dem Baumwipfelpfad in luftiger Höhe das gesamte Areal zu überblicken.

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Um 18:30 Uhr fanden wir uns alle wieder im Bus ein, waren in null Komma nix auf der Autobahn und hatten freie Fahrt bis nach Halle.

Wir danken den Organisatorinnen für diesen erlebnisreichen Tag .

Bericht: Eva Ruge
Fotos: Kerstin Häusler / Monika Pprimer
Halle (Saale) am 16.Juni 2026